Sexualität, übersetzt von Jacqueline Aerne, Biel, Verlag die Brotsuppe, 2011

Olivier wandte sich von allem ab: von der Ehefrau, dem Sohn, der allzu geliebten Schwester, getrieben von einer dunklen, nie begangenen Schuld. Hinter sich hat er eine Familie und eine Sprache gelassen, hat im Exil, in Paris, gelebt. Doch eines Tages erhält
Laura einen Brief von ihrem Bruder: Er will seinen Sohn Michele wiedersehen. Der ausgewählte Ort ist ein Ort in der Mitte, Genf, windig und fremd. Hier wird nach einer Antwort, nach Erlösung gesucht. Zwischen schwankenden Identitäten, verschiedenen Heimaten und uneingestandenen Ängsten versu- chen die Figuren von Pierre Lepori verzweifelt, sich wiederzufinden und – einmal mehr – davon abzulas- sen, sich zu verletzen und zu flüchten. Den Ungewissheiten seiner Figuren folgend, erscheint dieser Roman, als absolutes Novum, gleichzeitig in drei verschiedenen Verlagen, die italienische Ausgabe bei Edizioni Casagrande, die französische bei Editions d‘en bas und die deutsche, die auf der italienischen und französischen Fassung basiert, beim verlag die brotsuppe. Die Übersetzerin 
Jacqueline Aerne arbeitet als frei schaffende Übersetzerin, kommt aus dem Tessin und lebt in Basel.

Pierre Lepori ist 1968 in Lugano geboren und lebt heute in Lausanne. Er hat in Siena Sprach- und Literaturwissenschaft studiert und danach an der Universität Bern in Theaterwissenschaft promoviert. Er hat den Roman Grisù und die Gedichtsammlung Qualunque sia il nome publiziert, für die er 2004 den Schiller-Preis erhielt. Er ist Übersetzer aus dem Französischen (Laederach, Roud, Ponti), Kulturkorrespondent aus der Romandie für das Radio della Svizzera Italiana und Theaterkritiker für Radio Suisse Romande. Er hat die Zeitschrift »Hétérographe, revue des homolittératures ou pas:« gegründet, die er leitet. 2011 erscheint der Roman Sexualität gleichzeitig in drei verschiedenen Verlagen, in drei Sprache.

Jacqueline Aerne über ihre Übersetzung
von Beat Mazenauer, Viceversa Literatur, 15.9.2011

Pierre Leporis Roman liegt in den drei Sprachen Französisch, Italienisch und Deutsch vor. Die deutsche Version überrascht dabei schon im Untertitel. Wörtlich heisst es da: „aus der italienischen und französischen Fassung übersetzt von Jacqueline Aerne“. Was besagt diese doch eher ungewöhnliche Formulierung?
Diese besondere Formulierung wurde in Absprache mit der Verlegerin, Ursi Anna Aeschbacher, und dem Autor gewählt, weil die Übersetzung tatsächlich aus zwei Sprachen erfolgte. Pierre Lepori hatte mir eine erste Fassung des Romans letzten Sommer als Typoskript überreicht, als das Ganze noch in einer Projektphase stand. Als mich der Verlag Brotsuppe im Dezember mit der Übersetzung betraute, hatte Pierre seinen ursprünglich in italienischer Sprache verfassten Roman bereits selbst ins Französische übersetzt, so dass mir quasi zwei Originale vorlagen. Dies irritierte mich zunächst, da die sich beiden Fassungen teilweise doch deutlich unterschieden. Pierre verstand seine französische Version primär als eine « riscrittura/re-écriture », so dass er die Bedingungen der anderen Sprache zuerst selbst erprobte und die französische Version als eigenständiges Werk betrachtete. Bei der Übertragung ins Deutsche liess der Autor mir freie Hand bei der konkreten Wahl aus beiden Fassungen. Damit kompromittierte er zwar meinen Anspruch auf originalgetreue Übertragung, doch bald erkannte ich die unerhörten Vorteile eines solchen Vorgehens. Beim Übersetzen ist eine der grössten Schwierigkeiten bekanntlich die korrekte Interpretation des Originals. Bei mehreren Bedeutungsmöglichkeiten muss man sich für eine entscheiden. Übersetzt der Autor aber gleich wie hier selbst sein Werk in eine andere Sprache, so gibt er damit wertvolle Hinweise für die Übersetzung in eine weitere. Pierre liess mir zudem jegliche Freiheit, so dass ich gewisse Ausdrücke im Deutschen ganz anders formulieren konnte, vor allem wo der Klang des eigentlichen deutschen Ausdrucks nicht zum Inhalt passte. Der Wortklang war aber von Pierre bewusst eingesetzt worden. Zum Schluss konnte ich die gesamte Übersetzung mit Pierre überarbeiten, wobei er gar vorschlug, allein aus lautlichen Gründen den Namen einer Protagonistin in der deutschen Fassung zu ändern. Die gleichzeitige Übersetzung aus zwei Sprachen erwies sich rückblickend gar als ideale Bedingung.

Mögen Sie im Grunde aber das präzise Übersetzen lieber? Die Suche nach einem Adäquatum in der eigenen Sprache?
Was Präzision hier bedeutet, ist schwer zu definieren, denn beim Übersetzen müssen viele Kriterien gleichzeitig berücksichtigt werden. Gerade deshalb erhält Präzision immer neue Gesichter. Jeder Text stellt andere Bedingungen: Meines Erachtens gibt es keine allgemeingültige Methode, die man über jeden Text stülpen kann, sondern der Text selbst gibt die Methode vor. Innerhalb dieser immer veränderten Voraussetzungen versuche ich, den Text so genau wie möglich zu erfassen, ihn mit grösster Aufmerksamkeit zu lesen und dann wiederzugeben, sowohl in den sprachlichen Details als im Gesamtduktus. Präzision wäre somit eine Form der Aufmerksamkeit.

Sprachen haben bekanntlich ihre Eigenheiten. Worauf haben Sie besonders zu achten, wenn Sie aus dem Französischen resp. Italienischen übersetzen?
Italienisch und Französisch sind sich sowohl lexikalisch als auch syntaktisch sehr ähnlich, weshalb ich oft Übersetzter beneide, die von einer dieser Sprachen in die andere übertragen. Die grossen Schwierigkeiten bei der Übersetzung aus romanischen Sprachen ins Deutsche liegen in der ganz unterschiedlichen Syntax und Phonetik. Während etwa Appositionen in den beiden romanischen Sprachen elegant in fast beliebiger Anzahl nach dem Verb aufgereiht werden können, müssen sie im Deutschen vor das Prädikat hinein gepresst werden, was den Satz schwerfällig und unverständlich macht. Um dies zu vermeiden, muss man etwa mit Koordinationen oder Wiederholungen synonymer Verben arbeiten. Überhaupt ist die Morphologie der deutschen Verben ganz anders als die der romanischen Sprachen: man denke nur an die Trennung zusammengesetzter deutscher Verben im Satzgefüge oder an die vielen zusammengesetzten Zeiten, was zu einer Art « Omnipräsenz » der Verben in einem deutschen Text führt. Will man aus stilistischen Gründen ein Prädikat am Ende des Satzes vermeiden, geht dies nur mit grosser Anstrengung. Dagegen unterscheiden sich Italienisch und Französisch für mich vor allem darin, dass im Französischen, unabhängig vom sprachlichen Register, sich häufiger idiomatische Wendungen finden, so auch in Pierres eigener Übertragung.

Wie gehen Sie dabei mit der spezifischen Lautung um: den „e“-Vokalen im Französischen, den gehäuften „o“-Lauten im Italienischen? Ist sie von Bedeutung beim Übertragen?
Die Häufigkeit der Vokale « e » im Französischen oder des « o » im Italienischen bereitet mir nicht allzu grosse Mühe, denn sie sind sich auf phonetischer Ebene relativ ähnlich. Viel schwieriger wird es z.B. bei einer Häufung der Vokale « a » in einem italienischen Text: Die Offenheit und die Ruhe dieser Vokale ist sehr schwer wiederzugeben. Ganz allgemein hat die französische Sprache eine sehr geringe lautliche Bandbreite – man denke an die vielen Nasalen – während Italienisch zu den messbar akustisch breitesten Sprachen gehört, was gewöhnlich als « musikalisch » definiert wird.

Entstehen jeweils andere Texte, je nach der Quellsprache, aus der Sie übersetzen?
Das ist schwer zu beantworten. Ich denke, dass weniger die Quellsprache, als vielmehr die Zielsprache bestimmend und massgeblich ist. Sie ist es, an deren Regeln und Bedingungen wir uns anpassen müssen. Sich von der Quellsprache, dem Ausgangstext, zu lösen, ist das eigentliche Ziel einer Übertragung. Anderseits verbirgt jedes Wort semantische Latenzen, die erst dank einer Übersetzung ans Licht kommen und bewirken können, dass sich die Bedeutung des Textes in der Zielsprache verschiebt.

Erika spricht in der dreisprachigen Version Deutsch – im Original. Haben Sie versucht, dies auch in der Übersetzung anklingen zu lassen – also die Differenz zwischen Erika und den anderen beiden Figuren?
Ja, ich habe versucht, die sprachlichen Eigenheiten der Figuren so gut es ging anklingen zu lassen, wobei es gerade bei Erika natürlich wenig Mittel gab, ihr Deutsch in einem deutschen Text durchschimmern zu lassen. Ich habe es dennoch versucht, vor allem auf lexikalischer Ebene etwa an Stellen, wo sich im Original ein Wort fand, das eine Person deutscher Kultur kaum gebrauchen würde. Auf Seite 28 habe ich beispielsweise statt des Adjektivs « melodramatisch » das Wort « Trara » gewählt, das zwar etwas anderes bedeutet, jedoch besser die Sprache und Kultur einer Deutschen widerspiegelt.

Signalisiert das Verb „encouragieren“ in Oliviers Rede (S. 93) diese sprachliche Diskrepanz (wo „ermutigen“ ja denselben Sachverhalt wiedergeben könnte)?
Bei der Figur von Olivier war diese Operation viel einfacher, ich musste eigentlich nur ein paar Gallizismen verwenden, wie eben das Verb « encouragieren » anstelle von « ermutigen ». Die Wahl, die Sprache der Figuren durchschimmern zu lassen, war allerdings bereits in der italienischen Version angelegt, in der mit Absicht etliche Gallizismen vorkommen, allerdings nicht nur auf lexikalischer, sondern auch auf idiomatischer Ebene.

Für eine kreolischere Schweiz

(Passagen,  nr. 61,  2/2013)

Jeder Schriftsteller sollte ein «Bastard» sein, meinte der grosse franko-algerische Dichter Jean Sénac. Oder zumindest ein «Negerlein», das seine Sprache nicht richtig beherrscht, wie der auf Martinique geborene Autor Patrick Chamoiseau kokettiert. Die Schweiz ist nicht kreolisch – ihre Mehrsprachigkeit funktioniert eher als Neben- denn als Mit- einander –, ermöglicht uns aber, ohne das Land zu verlassen, quasi einen Verrat an Muttersprache und Vaterregion zu begehen und uns den Einflüssen anderer Sprachen auszusetzen. Wir können zu Exilanten im eigenen Land werden, die einen Teil ihrer Identität aufgeben, um sich am Rand einer (fremden) Sprache niederzulassen, «weder darin noch ausserhalb davon, sondern auf der undefinierbaren Linie dazwischen» (Jacques Derrida).
Selbst in einer behäbigen Gesellschaft (wie der Schweiz) hat das geschriebene Wort das Potenzial, sich über Grenzen hinwegzusetzen und an Etabliertem zu rütteln – so wie dies der «schizophrene Sprachstudent» Louis Wolfson tat, der 1970 einen Roman auf Französisch verfasste, um seiner ungeliebten englischen Muttersprache zu entfliehen und ihr «ganze, idealerweise unzerlegbare, zugleich fliessende und beständige Wörter» gegenüberzustellen (Gilles Deleuze).
Wir leben in einem Winkel Europas, in dem die Übersetzung eine gesellschaftliche Notwendigkeit darstellt, die aber durchaus ihre Tücken hat: «Dem Ziel einer parallelen, möglichst nahe am Original bleibenden Übertragung steht die Freude an einer atmenden, lebendigen Übersetzung gegenüber, die tief in die geheimnis- volle Materie einer Sprache eintaucht. […] Es ist eine Reise in einen grossen Brunnen des Erinnerns und des Vergessens» (Valère Novarina). Mein linguistisches Fundament besteht, wie Ihres vielleicht auch, aus mehreren Schichten: Den Klängen Venetiens und der Marken – der Heimatregionen meiner Grosseltern mütterlicherseits –, dem Dialekt der Tessiner Täler meines Vaters, dem Italienisch der Schule und des Studiums in Florenz, dem Deutsch aus meiner Zeit in Bern und schliesslich, seit 15 Jahren, nun auch dem Französisch von Lausanne. Entsprechend konnte ich, als ich mich der Schriftstellerei zuwandte, nicht anders, als mich eingehend mit dem Phänomen Sprache zu befassen. Als Migrant im eigenen Land entfernte ich mich immer weiter von der Vorstellung von Sprachen als monolithischen Einheiten. Daraus entstand das Bedürfnis, mich selbst zu übersetzen, mich und meine Wurzeln zu verraten und eine neue Identität als französischsprachiger Bastard mit italienischem Akzent zu finden.
Gibt es einen grundlegenden Unter- schied zwischen dem Schreiben in der Mutter- und in einer Fremdsprache? Zwischen einer Übersetzung und einer Selbstübersetzung? Ich denke nicht, es sei denn, man vertrete ein moralisierendes Konzept des Übersetzens. Mit Babel heureuse widmete der Philosoph Arno Renken dem «amoralischen» Übersetzen eine scharf- sinnige Studie, in der er feststellte: «Die Essenz [des Übersetzens] ist nicht eine Fixierung, auf die man sich stützen kann, sondern eine Destabilisierung, die man gewinnbringend nutzen soll. Das Streben nach einer nicht als solche zu erkennenden Übersetzung, die ständige Suche nach ‹Genauigkeit›, ‹Originaltreue› oder ‹Angemessenheit› dient vielleicht nur dazu, die Unruhe zu unterdrücken, die Übersetzungen in die literarische und philosophische Ordnung bringen.» Das Überschreiten monolingualer Grenzen fördert die stete Weiterentwicklung der Sprache. Dazu gehört auch die Freiheit, bei jedem Schritt, jedem Wort zu straucheln. Immerhin ist, wie David Bellos betont hat, bereits die Hälfte der Weltbevölkerung de facto zwei- oder mehr- sprachig. Machen wir deshalb die Schweiz etwas kreolischer, indem wir unsere Unsicherheit als Chance verstehen und die Vielfalt der Sprachen geniessen, die unseren Lebensraum durchdringen und prägen.

Aus dem Französischen von Reto Gustin