Bio

Pierre Lepori ist 1968 in Lugano geboren und lebt heute in Lausanne. Er hat in Siena Sprach- und Literaturwissenschaft studiert und danach an der Universität Bern in Theaterwissenschaft promoviert. Er hat den Roman Grisù und die Gedichtsammlung Qualunque sia il nome publiziert, für die er 2004 den Schiller-Preis erhielt. Er ist Übersetzer aus dem Französischen (Laederach, Roud, Ponti), Kulturkorrespondent aus der Romandie für das Radio della Svizzera Italiana und Theaterkritiker für Radio Suisse Romande. Er hat die Zeitschrift »Hétérographe, revue des homolittératures ou pas:« gegründet, die er leitet. 2011 erscheint der Roman Sexualität gleichzeitig in drei verschiedenen Verlagen, in drei Sprache.

SexualitätBiel, Verlag die Brotsuppe, 2011, Übersetzung von Jacqueline Aerne.

Für eine kreolischere Schweiz

(Passagen,  nr. 61,  2/2013)

Jeder Schriftsteller sollte ein «Bastard» sein, meinte der grosse franko-algerische Dichter Jean Sénac. Oder zumindest ein «Negerlein», das seine Sprache nicht richtig beherrscht, wie der auf Martinique geborene Autor Patrick Chamoiseau kokettiert. Die Schweiz ist nicht kreolisch – ihre Mehrsprachigkeit funktioniert eher als Neben- denn als Mit- einander –, ermöglicht uns aber, ohne das Land zu verlassen, quasi einen Verrat an Muttersprache und Vaterregion zu begehen und uns den Einflüssen anderer Sprachen auszusetzen. Wir können zu Exilanten im eigenen Land werden, die einen Teil ihrer Identität aufgeben, um sich am Rand einer (fremden) Sprache niederzulassen, «weder darin noch ausserhalb davon, sondern auf der undefinierbaren Linie dazwischen» (Jacques Derrida).
Selbst in einer behäbigen Gesellschaft (wie der Schweiz) hat das geschriebene Wort das Potenzial, sich über Grenzen hinwegzusetzen und an Etabliertem zu rütteln – so wie dies der «schizophrene Sprachstudent» Louis Wolfson tat, der 1970 einen Roman auf Französisch verfasste, um seiner ungeliebten englischen Muttersprache zu entfliehen und ihr «ganze, idealerweise unzerlegbare, zugleich fliessende und beständige Wörter» gegenüberzustellen (Gilles Deleuze).
Wir leben in einem Winkel Europas, in dem die Übersetzung eine gesellschaftliche Notwendigkeit darstellt, die aber durchaus ihre Tücken hat: «Dem Ziel einer parallelen, möglichst nahe am Original bleibenden Übertragung steht die Freude an einer atmenden, lebendigen Übersetzung gegenüber, die tief in die geheimnis- volle Materie einer Sprache eintaucht. […] Es ist eine Reise in einen grossen Brunnen des Erinnerns und des Vergessens» (Valère Novarina). Mein linguistisches Fundament besteht, wie Ihres vielleicht auch, aus mehreren Schichten: Den Klängen Venetiens und der Marken – der Heimatregionen meiner Grosseltern mütterlicherseits –, dem Dialekt der Tessiner Täler meines Vaters, dem Italienisch der Schule und des Studiums in Florenz, dem Deutsch aus meiner Zeit in Bern und schliesslich, seit 15 Jahren, nun auch dem Französisch von Lausanne. Entsprechend konnte ich, als ich mich der Schriftstellerei zuwandte, nicht anders, als mich eingehend mit dem Phänomen Sprache zu befassen. Als Migrant im eigenen Land entfernte ich mich immer weiter von der Vorstellung von Sprachen als monolithischen Einheiten. Daraus entstand das Bedürfnis, mich selbst zu übersetzen, mich und meine Wurzeln zu verraten und eine neue Identität als französischsprachiger Bastard mit italienischem Akzent zu finden.
Gibt es einen grundlegenden Unter- schied zwischen dem Schreiben in der Mutter- und in einer Fremdsprache? Zwischen einer Übersetzung und einer Selbstübersetzung? Ich denke nicht, es sei denn, man vertrete ein moralisierendes Konzept des Übersetzens. Mit Babel heureuse widmete der Philosoph Arno Renken dem «amoralischen» Übersetzen eine scharf- sinnige Studie, in der er feststellte: «Die Essenz [des Übersetzens] ist nicht eine Fixierung, auf die man sich stützen kann, sondern eine Destabilisierung, die man gewinnbringend nutzen soll. Das Streben nach einer nicht als solche zu erkennenden Übersetzung, die ständige Suche nach ‹Genauigkeit›, ‹Originaltreue› oder ‹Angemessenheit› dient vielleicht nur dazu, die Unruhe zu unterdrücken, die Übersetzungen in die literarische und philosophische Ordnung bringen.» Das Überschreiten monolingualer Grenzen fördert die stete Weiterentwicklung der Sprache. Dazu gehört auch die Freiheit, bei jedem Schritt, jedem Wort zu straucheln. Immerhin ist, wie David Bellos betont hat, bereits die Hälfte der Weltbevölkerung de facto zwei- oder mehr- sprachig. Machen wir deshalb die Schweiz etwas kreolischer, indem wir unsere Unsicherheit als Chance verstehen und die Vielfalt der Sprachen geniessen, die unseren Lebensraum durchdringen und prägen.

Aus dem Französischen von Reto Gustin